Fische im Funkengestöber der Farbe
Manfred Schneckenburger
Von dem großen Berliner Maler Max Liebermann wissen wir das Bekenntnis: ein gut gemalter Kohlkopf bedeute ihm mehr als der Museumsschinken eines preußischen Generals in Paradeuniform. Der Kohlkopf gehöre ins Museum, nicht der General. Liebermann meinte das keineswegs pazifistisch. Er stand im Einklang mit einem berühmten Satz des französischen Malers Maurice Denis: Ein Bild ist, bevor ein Schlachtgetümmel daraus wird, zunächst ein begrenztes Stück Leinwand, von einer bestimmten Menge Farbe bedeckt.
Warum diese beiden Feststellungen zur Einführung in das Werk eines jungen Malers, der weder Kohlköpfe noch Generäle noch Schlachtgetümmel malt? Weil sie an etwas sehr Einfaches, eigentlich Selbstverständliches erinnern: dass Malerei, vor allen Inhalten, zuerst Malerei und nur Malerei ist. Wenn Lars Reiffers sich lange Zeit darauf beschränkt, tote Fische oder Fischköpfe zu malen, so folgt er keiner Obsession. Er erkennt darin einfach eine reiche, überreiche malerische Herausforderung. Sie trägt sein Werk nun schon im vierten Jahr. Fischhaut kann bei Reiffers durchsichtig leuchten, kristallinisch reflektieren, prismatisch brillieren, nass wegtropfen und zerfließen - alles rein malerische Vorgänge, aus der Fülle der peinture pure. Und siehe, der unschöne Spruch, dass der Fisch vom Kopf aus zu stinken anfängt, verkehrt sich ins Gegenteil. Der Kopf blüht förmlich auf, beginnt perlmuttbunt zu schimmern, seidig zu glänzen und in brillanten Reflexen zu funkeln. Schuppen und Kiemen werden zu einer blaugoldweißen Phantasmagorie. Der Fischkopf „Saftig“: ein verhaltenes, sorgsam abgetöntes koloristisches Feuerwerk. Der starre Blick wird zu einer Linse, in der die Farben Rot, Gelb, Grün sich sammeln, brechen und im schwarzen Loch der Pupille versinken. Der Ausdruck dieses Auges, auf der Grenze von hellen und dunklen Zonen, besitzt eine Bannkraft zwischen Leben und Tod, die uns verfolgt.
Fische, zunächst nur Fische. Das Motiv setzt 1999 ein, während Reiffers noch in Aix-en-Provence studiert und der Gang über die mittelmeerischen Fischmärkte zum Streifzug für die Kamera wird. Die frühesten Bilder entstanden noch in Südfrankreich. Dann wechselt Reiffers vom meernahen Aix ins binnenländische Münster. Das Motiv nimmt er mit. Lange Monate hing die Leinwand für den monumentalen Fischkopf „saftig“ zwischen Entwurf und letztem Strich an einer Wand in der Malklasse Kuhna. Zunächst wurde das Bild in stumpfen Flecken angelegt. Später glänzten die Flecken feucht und glitschig und verwandelten sich, Schicht um Schicht, in gleissende helle Fischhaut. Licht glitt darüber hinweg, versank im dunklen Fond, um in den Reflexen mit doppelter Energie wieder aufzustehen. Über graue Patzer kamen gelbe Partien, über das Gelb weiße Lichthöhungen. Aus dem Malprozess entstand ein Stilleben wie ein Monument für einen toten Fisch.
Das Spannende war, dass Reiffers eben nicht exakt Oberflächen ab- und nachmalte, dass er dem Pinsel, trotz einschlägiger Vorlagen, keine fotografischen Wirkungen abverlangte, sondern bei der elementaren Keimzelle des Malerischen blieb: beim Fleck. Der Lehrer Hermann-Josef Kuhna setzt das im funkelnden Kosmos seiner Bilder absolut. Auch bei Reiffers steht am Anfang der Malerei der Fleck, so wie der Einzeller am Anfang des Lebens steht. Sein „kühnes Wesen“ (Theodor Hetzer) gibt den Bildern ihre malerische Autonomie.
Dennoch schafft Reiffers auch Illusionen. Seine Fischköpfe lösen sich eben nicht impressionistisch in Punktgewimmel auf, das erst auf der Entfernung lesbar wird. Dieses Monument für einen toten Fisch könnte gleichzeitig ein Porträt sein. IST gleichzeitig ein Porträt, denn Reiffers holt sich seine Motive direkt vom Fischmarkt, fotografiert ganze Serien schimmernder Schuppenleiber, arbeitet die Fotos in wässrige Lasuren um - macht sich dann frei von aller Fotografie, an seine schiere Malerei.
Dabei ändert sich etwas. Im gleichen Zeitraum wie der Fischkopf „saftig“ entstehen Bilder wie „Goldfisch“ oder „Blauer Monarch“. Von Bild zu Bild verläuft, so verführerisch die Annahme wäre, keine Entwicklung. Es handelt sich um eine Polarität. Einzelne Bilder werden mehr und mehr abstrakt. Der Blick rückt näher, der Ausschnitt gerät enger, die Schuppen, obgleich immer noch rautenförmig korrekt, verlieren etwas von ihrer animalischen Präsenz und gewinnen dafür den seriellen Rhythmus einer Struktur. Feine Striemchen suggerieren ein Schuppenkleid, in dem das Licht sich wie in einem Gitter fängt. Auch Schatten dringen vor. Ein subtiles Spiel unter Wasser, das sich wie ein hingehauchtes Vibrato über die Leinwand legt und kühle Distanz herstellt. Das Karo der Schuppen versickert als flüchtige Mikrostruktur. Nahsicht, die ins Ferne rückt.
Die Ausstellung treibt die Spannung noch weiter. Je mehr der Fisch ins Abstrakte des Schuppenornaments zurücktritt und die Illusion abnimmt, desto deutlicher holt der Künstler sie wieder zurück. In jüngeren Bildern kontert er die patzig aufgesetzten, Fleck auf Fleck schichtenden Schuppen durch spitz zulaufende Lilienblätter oder Malvenblüten wie weißes Satin. Hier die pastos in ein koloristisch atmendes Relief getriebene Fischhaut, da dünn hingestrichen, fast zum Abpflücken genau, in schmalen Streifen oder wolkiger Fülle, die Blumen. Malerisch offene Verve und präzisionistische Deskription - Reiffers steigert die malerische Bravour, indem er ihr verschiedene Handschriften gibt. Einzelne Bilder kreisen, darüber hinaus, um das alte Motiv der Vergänglichkeit. Rote Blüten überwachsen ein Stück Fischhaut, die grünlich zu verwesen beginnt. Ein Fisch verglüht in einer letzten Glut. Nur der blaue Rücken bewahrt noch eine Spur Feuchtigkeit. Selbst Vegetablisches – krank gerötete Paprika, dunkel angelaufene Hülsenfrüchte – gehen in Auflösung über.
Zugleich weitet Reiffers sein Spektrum aus. Er malt auch das Element Wasser und breitet ein geheimnisvolles Ornament darüber. Wieder kommt, wie bei den Fischen, kaltes Blau, dann ein warmer Braunton vor. Die Titel heißen „kühle See“ oder „Ozeanfeuer“. Entrückte Ferne und schäumende Flut. Entschwindende Wellenringe und brodelnde Flammengischt. Reiffers notiert dazu Hinweise von Laotse, Heraklit und der Tiefenpsychologie, für die Wasser ein Sinnbild des Unbewußten ist. In der Tat haben die ornamentalen Weißhöhungen der Felsen am Grund, die untersichtigen Kringel oder die Wirrsal der Schaumkronen etwas von einem Traum, der sich festen Bildern entzieht. Das Wasser wird – ein wenig vordergründig? – zur Tiefsee der Seele, die nur durch Streifen oder Fetzen von Licht erhellt wird.